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Am Mittwoch startete das Internet-Netzwerk Facebook jetzt auch in Deutschland mit der Einführung der neuen Timeline, beziehungsweise „Chronik“ wie das online Lebensarchiv in Deutschland heißt.
In ihr soll der Nutzer von der Geburt über den ersten Schultag, bis hin zur Hochzeit und darüber hinaus alles dokumentieren, was ihn gerade bewegt. Auch Kleinigkeiten, wie ein neues Piercing oder Gewichtsverlust lassen sich in unterschiedliche Kategorien eintragen.

„Mit der Chronik können Facebook-Nutzer individueller als bisher zeigen, wer sie sind“, so der Sprecher des Unternehmens. Für Facebook-Gegner ist die Sachlage jedoch klar, durch die Ausweitung und Neugestaltung der Profilseite, sollen die User noch stärker an die Plattform gebunden werden. Die großformatige Header-Grafik mit vielen Bildern und ein chronologischer Zeitstrahl an der Seite sollen das Layout übersichtlicher machen und die Suche nach älteren Beiträgen erleichtert. So wird dem Nutzer extra eine Woche Zeit gegeben, um seine Chronik mit fehlenden Beiträgen, Kommentaren und Bilder zu vervollständigen bevor sie dann für alle Mitglieder sichtbar wird. Wer so viel Zeit und Mühe in die Gestaltung seines online Profils investiert, wird den Netzwerk-Anbieter nicht so schnell wechseln wollen.

Kritisch dabei ist jedoch die große Datenmenge der Nutzer, die durch die Timeline zusätzlich in Umlauf gebracht wird und vom Unternehmen gesammelt werden kann, zu sehen. Durch die neuen Funktionen wird die Möglichkeit Privates öffentlich zu machen noch wesentlich erweitert.
Die Übergangszeit von sieben Tagen dient zusätzlich dazu den Usern die Möglichkeit zu geben, ihre Postings zu überarbeiten, die Sichtbarkeit zu verändern oder unliebsame Einträge zu löschen. An der Sichtbarkeit eines bereits veröffentlichten Beitrags soll sich jedoch nichts verändern. Vielmehr habe das Mitglied die Möglichkeit für jedes Element festzulegen, wer es sehen kann oder nicht, so das Unternehmen. Auch kann der Facebook-Nutzer zentral die Sichtbarkeit aller älteren Einträge mit einem Klick auf seine Freunde beschränken.

Was jedoch vor der Timeline mit erheblichem Zeitaufwand verbunden war, nämlich das Suchen und Auswerten älterer bereits von der Pinnwand heruntergerutschter Postings, ist nun mit wenigen Mausklicks möglich. So kann jedes Facebook-Mitglied im Zweifel innerhalb weniger Sekunden sehen, was der Andere letztes Weihnachten gemacht hat, und Vorletztes und so weiter.
Daher warnen Datenschützer und Online-Experten eindringlich vor einem allzu leichtfertigen Einsatz der neuen Chronik.

Facebook-Mitglieder geraten damit noch stärker in die Pflicht, alle veröffentlichten Daten, vor allem auch längst vergessene Einträge aus der Vergangenheit, aktiv zu kontrollieren und das eigene Profil regelmäßig aufzuräumen

sagte der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar.

Zwar hat Facebook mit dem Opt-In-Verfahren, welches eine ausdrückliche Aktivierung der Chronik seitens der Nutzer erforderlich macht, eine datenschutz- und verbraucherfreundliche Einführungsmethode gewählt, doch Casper fordert wohl zu Recht, dass diese Wahlmöglichkeit auf Dauer bestehen bleiben muss. Dies wird jedoch nur ein frommer Wunsch bleiben, denn ein Sprecher des Netzwerkes sagte auf Anfrage von RTL Aktuell Online: „Irgendwann wird die Chronik die einzige Form des Profils sein.“ Daher ist bereits jetzt allen Nutzern zu raten sich intensiv mit ihren eingestellten Daten zu befassen, bevor diese irgendwann in interaktiven Lebensläufen präsentiert werden.

Entscheidet sich ein Mitglied einmal für die Verwendung der neuen Chronik, schaltet diese sich automatisch nach sieben Tagen live ein und ist auch nicht mehr rückgängig zu machen.
Doch die Timeline beinhaltet nicht nur datenschutzrechtliche Gefahren. Der IT-Experte Hannes Federrath, sieht mit der Chronik sogar eine Chance für mehr Transparenz, weil Daten, die bisher bei Facebook gespeichert sind und die das Unternehmen auch auswerten kann, jetzt an der Oberfläche zu sehen sind. So auch Marit Hansen vom Unabhängigen Datenschutzzentrum Schleswig-Holstein, die der Ansicht ist, die Inhalte wäre jetzt zwar immer noch schwierig zu handhaben, aber durch die Chronik besser beherrschbar. „Dies dürfte das Bewusstsein der Menschen steigern, dass man eigentlich vorsichtig umgehen sollte mit der Preisgabe personenbezogener Daten.“, meinte Federrath. Aber auch er rief dazu auf, sich genau zu überlegen, welche Daten ins Netz gehören und welche nicht.

Neben der Timeline wird auch eine ganz neue Art von Anwendungen eingeführt, das sogenannte Frictionless Sharing. Hierbei posten Partnerdienste, wie beispielsweise der Rezeptdienst Foodily, der Videoverleih Netflix oder der Spieleanbieter Zynga weitgehend automatisiert und ohne Klick auf den Like- oder Share-Button die verschiedenen Aktivitäten der User, soweit diese dem „Teilen ohne Hindernisse“ zugestimmt haben. So kann zum Beispiel eine Anwendung von Nike die Joggingstrecke eines Nutzers in Echtzeit auf dessen Profil bloggen.
Trotz vieler neuer Funktionen und Möglichkeiten die die Timeline und damit verbundene Features mit sich bringen, bleibt jedoch immer ein bitterer datenschutzrechtlicher Beigeschmack, denn man kann sich nie sicher sein welchen Preis man für die „kostenlosen“ Onlinedienste zahlt. Davor warnt auch Bundesdatenschutzbeauftragter Peter Schaar: „Facebooks Geschäftsmodell besteht darin, dass Facebook durch detaillierte Kenntnis der Interessen, Lebensumstände und Verhaltensweisen seinen Mitgliedern gezielt Werbung zukommen lässt. Dies funktioniert umso besser, je freizügiger die Nutzer mit ihren Daten umgehen. Dieses Geschäftsmodell ist nicht besonders datenschutzfreundlich und führt in der Konsequenz zum Verlust der Privatsphäre.“ Dem ist meiner Meinung nach wohl nichts mehr hinzuzufügen.

1 Kommentar auf “Facebook-Timeline: Die interaktive Lebenschronik in Echtzeit”

  1. Mehr zum Thema Datenschutz in Sozialen Netzwerken:
    Heckmann in: jurisPK-Internetrecht, 3. Aufl. 2011, Kap. 9, Rn. 457 ff.
    Seidl/Beyvers, Virtuelle verdeckte Ermittler? – Überblick über polizeiliche Ermittlungen in sozialen Netzwerken, jurisAnwZert IT-Recht 15/2011, Anm. 3
    Albrecht, Anonyme oder pseudonyme Nutzung sozialer Netzwerke? – Ein Beitrag zu § 13 Abs. 6 TMG, jurisAnwZert-ITR 1/2011, Anm. 2