Predictive Policing – die Zukunft der Polizeiarbeit?

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Die digitale Revolution bringt viele Innovationen mit sich, die in ebenso vielen Lebensbereichen Anwendung finden – auch die Polizeiarbeit ist hiervon nicht ausgenommen. In den letzten Jahren konnten sowohl die Polizei als auch Strafverfolgungsbehörden zahlreiche Systeme und Softwares bei der Kriminalitätsbekämpfung einsetzen und sich somit die Arbeit erleichtern. So gibt es beispielsweise CarPads, Tablet-ähnliche Geräte, die bei Schleierfahndungen eingesetzt werden. Diese mobilen Geräte ermöglichen den ortsungebundenen Zugriff auf Informationssysteme der Polizei und gestatten zudem durch die Fingerabdruckscanner einen Abgleich mit der Datenbank beim Bundeskriminalamt. Auch die umstrittene DNA-Phänotypisierung wäre ohne neuere Technologie nicht möglich.

In letzter Zeit wurden außerdem immer häufiger sog. „Predictive Policing“-Systeme eingesetzt. Predictive Policing (deutsch: vorhersagende Polizeiarbeit) bezeichnet ein Modell der Vorhersage zukünftiger Straftaten durch die Auswertung der Daten vergangener Fälle. Grundsätzlich gibt es zwei Ansätze, die auch bereits realisiert werden: Im ersten Modell werden potenzielle Gefährder von Polizisten befragt und das System ermittelt daraufhin, welche konkrete Personen voraussichtlich imminent Straftaten begehen könnten. Solche Systeme werden unter anderem in den USA und in der Schweiz angewandt; in den USA werden sogar Kommunikationsverläufe der potenziellen Gefährder gescannt.

Das andere Modell richtet sich im Gegensatz zum ersten Modell nach räumlichen – und nicht personenbezogenen – Kriterien. So kann das System mithilfe der ausgewerteten Daten Gebiete identifizieren, in denen Straftaten höchstwahrscheinlich begangen werden. Mithilfe dieser Wahrscheinlichkeitsberechnungen können Polizeikräfte intelligenter eingesetzt und somit Verbrechen effektiver verhindert werden. Solche automatischen Analyse- und Prognosesysteme finden bereits in vielen Regionen Deutschlands Anwendung, beispielsweise im Rahmen zeitlich befristeter Pilotprojekte oder durch die Entwicklung eigener Softwares durch die Bundesländer. Konkret werden diese Systeme hierzulande derzeit nur bei Wohnungseinbruchsdelikten eingesetzt. Hierbei wird nicht das Gefährdungspotenzial einzelner Personen ermittelt, sondern die Einbruchswahrscheinlichkeit in bestimmten Gebieten. Es wird vermutet, dass der Einsatz der Systeme z.B. in München und Stuttgart zur Reduzierung der Zahl an Wohnungseinbruchsdelikten beigetragen haben soll, obwohl dies aufgrund der diversen und komplexen Einflussfaktoren in Bezug auf eine derartige Entwicklung nur schwer zu beurteilen ist. Laut einer aktuellen Bitkom-Umfrage befürworten 6 von 10 Bürgern den Einsatz von „KI-Prognostik in der Verbrechensprävention“. Somit kann Predictive Policing durchaus wirksam sein und wird auch von der Mehrheit der Bevölkerung für angebracht befunden.

Allerdings gibt es auch kritische Stimmen und potenzielle Gefahren: In der Schweiz wird bereits eine Analysesoftware verwendet, die das Risikopotenzial von Gefährdern in den Bereichen Intimpartnergewalt und islamistische Radikalisierung ermitteln sollte. Durch eine Analyse des Verhaltens der Gefährder berechnet die Software eine Gefahrenstufe und die Polizei kann dementsprechend handeln. Dies birgt sehr wohl die Gefahr der Überschätzung des Risikos bestimmter Menschen, um keine Gefährder zu übersehen. Es stellt sich außerdem die Frage nach dem Preis von mittels solcher Systeme errungener Sicherheit – konkret, ob es noch hinnehmbar ist, dass jegliche Kommunikationsformen, von E-Mails und Telefonaten bis hin zu Gesprächen im öffentlichen Raum, die per Videoüberwachung aufgezeichnet werden, von staatlichen Behörden mittels Software gescannt werden könnten, um Gefährder zu ermitteln. Ebenso fraglich ist die Fähigkeit dieser Algorithmen, Ironie, Sarkasmus oder bestimmte Redewendungen, wie beispielsweise „Bombenstimmung“, zu erkennen.

Die – im Allgemeinen natürlich als positiv zu bewertende – Entwicklung hin zu mehr Prävention lässt sich durch den Aufschrei der Bürger und Medien erklären, wenn schwere Straftaten von bereits polizeilich bekannten Tätern begangen werden. So könnte in diesem Zusammenhang vertreten werden, dass eine falsche Verdächtigung durch die Software im jetzigen politischen Klima hinnehmbarer wäre als die verpassten Handlungsmöglichkeiten bei bereits bekannten Gefährdern. Jedoch besteht durch den Einsatz solcher Systeme gewiss auch die Gefahr der Diskriminierung bestimmter Personen, etwa aufgrund der Angehörigkeit zu einer bestimmten ethnischen Gruppe.

Algorithmische Entscheidungsfindungssysteme werden bereits in zahlreichen Bereichen verwendet, etwa bei der Bewerberauswahl oder bei der Analyse der Kreditwürdigkeit. Auch insoweit bestehen diverse Gefahren wie die der Diskriminierung, allerdings sollte in dem staatlichen und somit unmittelbar grundrechtsgebundenen Bereich der Verbrechensvorhersage ein verantwortungsvoller Einsatz neuer technischer Möglichkeiten ebenso selbstverständlich sein.

 

Weiterführende Quellen:

https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/big-data/predictive-policing/

https://www.srf.ch/news/schweiz/predictive-policing-polizei-software-verdaechtigt-zwei-von-drei-personen-falsch

https://www.tagesschau.de/inland/polizei-prognosesoftware-101.html

https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Grosse-Mehrheit-fuer-Kuenstliche-Intelligenz-in-der-Polizeiarbeit.html

 

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