Amazon lässt Mitarbeiter Alexa-Aufzeichnungen anhören und abtippen

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Rund neun Millionen Deutsche nutzen einen „Smart Speaker“, ein mit dem Internet verbundener Lautsprecher, der Musik drahtlos überträgt und per Sprachsteuerung und Spracherkennung die Funktionen eines intelligenten persönlichen Assistenten integriert. Zu den am weitesten verbreiteten Sprachassistenten gehören Amazons Echo-Geräte mit der Software Alexa. Um diese zu bedienen, sind weder Bildschirm noch Tastatur nötig. Nachdem das Aktivierungswort – je nach Einstellung hören die klugen Lautsprecher auf „Alexa“, „Echo“, „Amazon“ oder „Computer“ – ausgesprochen wird, werden auf Befehl Musik, Hörbücher, Radiosender oder Nachrichten abgespielt, das Wetter oder Sportergebnisse abgefragt, das Licht eingeschaltet oder die Einkaufsliste verwaltet. In den Sprachassistenten von Amazon sind momentan bis zu sieben Mikrofone verbaut.

Beschäftigte vernehmen vertrauliche Informationen

Mitte April dieses Jahres wurde nun bekannt, dass Amazon aufgezeichnete Befehle von Nutzern an seine Assistenzsoftware Alexa von Mitarbeitern anhören und abtippen lasse, um die Spracherkennung zu verbessern. Eine solche Verschriftung von Gesprächen zum Zwecke der Analyse wird in der Spracherwerbsforschung „Transkription“ genannt. Amazon beteuerte, dass nur eine geringe Anzahl von Interaktionen einer zufälligen Gruppe von Kunden mit Anmerkungen versehen werde, um die Nutzererfahrung zu verbessern. Diese Informationen würden dabei helfen, die Spracherkennung zu trainieren, damit Alexa die Anfragen besser verstehe und um sicherzustellen, dass das System für alle gut funktioniere. Außerdem würden Beschäftigte im Rahmen dieses Arbeitsablaufs keinen direkten Zugang zu Informationen haben, durch die ein Nutzer oder ein Account bei diesem Verfahren identifiziert werden könne. Das amerikanische Medienunternehmen „Bloomberg“ berichtete hingegen, dass auf einem Screenshot zu einem solchen Transkriptionsauftrag eine Account-Nummer, der Vorname des Nutzers sowie die Seriennummer des Geräts zu sehen gewesen seien. Darüber hinaus hätten Beschäftigte des Onlineversandhändlers vertrauliche Informationen wie Namen oder Bankkonto-Auskünfte gehört. In solchen Fällen sollten sie ein Häkchen im Menüpunkt „kritische Daten“ setzen und sich die nächste Audiodatei vornehmen. Der Nachrichtenkanal „Bloomberg“ nannte auch weitere Beispiele für von den Mitarbeitern gehörte Aufnahmen: Eine Frau, die in der Dusche singt, ein Kind, das nach Hilfe ruft. Zwei Arbeitnehmer von Amazon hätten sogar einen sexuellen Übergriff gehört. Dabei seien sie aber angehalten, nichts zu unternehmen. Bloomberg nach, werde diese Arbeit von rund 7000 Beschäftigten an verschiedenen Standorten rund um die Welt verrichtet, unter anderem in Boston, Costa Rica, Indien und Rumänien.

Bundesregierung gelassen, Grüne empört

Günter Krings von der CDU, seines Zeichens Staatssekretär beim Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat, kommentierte den Vorfall auf eine schriftliche Anfrage der Grünen insofern, dass die Bereitschaft der Nutzung Cloud-basierter digitaler Sprachassistenten in Privathaushalten das Ergebnis einer individuellen Risikoabschätzung des Nutzers sei. In anderen Worten: Diejenigen, die sich ein Gerät wie Alexa in die Wohnung stellen, seien selbst schuld, wenn es zu derart gravierenden Verstößen komme. Demgegenüber kritisierte die rheinland-pfälzische Verbraucherschutzministerin Anne Spiegel (Grüne) Amazon dahingehend, dass das Abhören persönlicher Gespräche in der eigenen Wohnung ein extremer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte darstelle.

Inwiefern kann Alexa eingeschränkt werden?

Amazons Echo-Geräte beginnen die Aufnahme grundsätzlich erst, wenn sie das festgelegte Aktivierungswort hören. Jedoch passiert es immer wieder mal, dass Alexa unbeabsichtigt aktiviert wird, weil die Software glaubt, das Wort wahrgenommen zu haben. Die Aufnahmen starten daher oft mit Fernsehgeräuschen, Gesprächen unter Personen oder nicht identifizierbarem Lärm. Allerdings haben Nutzer mehrere Möglichkeiten, die Funktionen von Alexa einzuschränken. Zunächst können sie in den Einstellungen die Nutzung ihrer Aufnahmen zur Weiterentwicklung des Dienstes ablehnen sowie bisherige Aufnahmen löschen. Weiterhin können Nutzer das Mikrofon zeitweise ausschalten. Hierzu betätigen sie einen Knopf mit einem durchgestrichenen Mikrofon auf der Oberseite ihres Echo-Gerätes. Dadurch lassen sich die eingebauten Mikrofone abstellen, zu erkennen am roten Leuchtring. Zu guter Letzt können Nutzer die Sprachsteuerung auch per Knopf verwenden. Die Echo-Modelle ohne Bildschirm verfügen über einen kleinen Punkt in der Mitte. Halten die Nutzer diesen gedrückt, nimmt der Sprachassistent direkt Befehle entgegen, ohne das Aktivierungswort ertönen zu lassen. Dieses Prozedere funktioniert auch bei ausgeschaltetem Mikrofon.

Nutzt die Bundesregierung Sprachassistenten als Überwachungsinstrument?

Die Bundesregierung gibt bis dato keine Auskunft darüber, ob Nachrichtendienste digitale Sprachassistenten zum Abhören nutzen würden. Auf Anfrage der Bundestagsabgeordneten Martina Renner (Linke) teilte die Regierung mit, sie könne diese Information auch nicht als Verschlusssache herausgeben, da die Nachrichtendienste diese Fähigkeit verlieren würden und „kein Ersatz durch andere Instrumente möglich“ sei. Das Bundesamt für Verfassungsschutz wies immerhin darauf hin, dass es laut Gesetz das Recht zur Wohnraumüberwachung habe.

Quellen

Landshuter Zeitung vom 12.04.2019, Wirtschaft, Seite 7, Amazon lässt Privatgespräche über Alexa mithören

Matt Day/ Giles Turner/ Natalia Drozdiak, Amazon Workers Are Listening to What You Tell Alexa, 11.04.2019, Bloomberg, abrufbar unter: https://www.bloomberg.com/news/articles/2019-04-10/is-anyone-listening-to-you-on-alexa-a-global-team-reviews-audio, zuletzt abgerufen am 23.04.2019

Marc Krüger, Ist Alexa eine Spionin? Was Amazons Lautsprecher alles mithört, T-Online.de, 11.04.2019, abrufbar unter: https://www.t-online.de/digital/id_83080402/ist-alexa-eine-spionin-was-amazons-lautsprecher-alles-mithoert.html, zuletzt abgerufen am 23.04.2019

Axel Kannenberg, Amazon-Mitarbeiter tippen zum Teil Alexa-Sprachbefehle ab, Heise online, 11.04.2019, abrufbar unter: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Amazon-Mitarbeiter-tippen-zum-Teil-Alexa-Sprachbefehle-ab-4374871.html, zuletzt abgerufen am 23.04.2019

Malte Mansholt, Amazon Echo lauscht die ganze Zeit mit – hier können Sie hören, was er dabei aufnimmt, Stern.de, abrufbar unter: https://www.stern.de/digital/computer/amazon-echo-lauscht-die-ganze-zeit-mit—hier-koennen-sie-hoeren–was-er-dabei-aufnimmt-7797002.html, zuletzt abgerufen am 23.04.2019

Der Tagesspiegel vom 11.04.2019, Auch vertrauliche Daten betroffen: Amazon-Mitarbeiter hören Alexa Aufzeichnungen ab, abrufbar unter: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/auch-vertrauliche-daten-betroffen-amazon-mitarbeiter-hoeren-alexa-aufzeichnungen-ab/24209788.html, zuletzt abgerufen am 23.04.2019

Benjamin Gründken, Abhorchen durch Alexa: Bundesregierung gelassen, Grüne empört, Nachrichtendienste nebulös, pcgameshardware, 11.04.2019, abrufbar unter: http://www.pcgameshardware.de/Amazon-Echo-mit-Alexa-Hardware-267116/News/Abhoervorwuerfe-gegen-Amazon-und-Kritik-der-Politik-1279822/, zuletzt abgerufen am 23.04.2019

 

 

 

 

 

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