AllgemeinDatenschutz

Selektives Datenschutzbewusstsein ist auch keine Lösung

Vor kurzem machte der Messengerdienst WhatsApp wegen seiner neuen Geschäfts- und Datenschutzbedingungen auf sich aufmerksam. Auch bisher nutzte der Mutterkonzern Facebook Daten der WhatsApp-Nutzer, doch nun möchte der Datenriese auch das private Kommunikationsverhalten auswerten, um Werbeanzeigen auf anderen Facebook-Plattformen zu personalisieren.[1]

Datenkraken: Kein neues Phänomen

Dass der Konzern auch für Personen, die Facebook selbst gar nicht nutzen, umfassende Profile anlegt, ist kein Geheimnis.[2] In sogenannten „Schattenprofilen“ werden beispielsweise über auf Webseiten eingebettete Share-Buttons, mit deren Hilfe der Surfverlauf protokolliert werden kann, oder dank Nutzern, die Facebook den Zugriff auf ihre Kontaktlisten und Telefonbücher – und damit auch auf Daten ihrer Kontakte – erlaubt haben, massive Datensätze angelegt. Das erweiterte Koppelungsverbot der DSGVO scheint an dieser Praxis wenig geändert zu haben; gezielt wird jedes noch so kleine Schlupfloch ausgenutzt, geltende gesetzliche Vorgaben werden ungeniert umgangen.[3] Wie umfassend und detailliert die Profile sind und wie intransparent diejenigen Unternehmen sich verhalten, die sie aufbauen und nutzen, ist durchaus erschreckend.[4]

Der immense Zulauf, den WhatsApps Konkurrent Signal kürzlich verzeichnen konnte, scheint ein eindeutiges Zeichen gegen das rein datenbasierte Geschäftsmodell. Das zugrundeliegende Problem ist aber nicht neu. Sicherere, datenschutzfreundlichere Alternativen wie Signal oder Threema hatten es bislang schwer. Das Problem ist schlicht, dass ein Messenger davon lebt, dass er von möglichst vielen Menschen genutzt wird. So wird jeder, der in den vergangenen Jahren den Versuch gewagt hat, auf eine andere App umzusteigen, bestätigen können, dass die Vorteile eines Wechsels dessen maßgeblichen Nachteil in vielen Fällen nicht aufzuwiegen vermögen: Was hilft ein sicherer Messenger, wenn fast niemand ihn nutzt, weil etwa der Freundeskreis nach wie vor den WhatsApp-Gruppenchat bevorzugt? Die Gretchenfrage ist so unangenehm wie simpel: Was ist das geringere Übel – die Isolation von Freunden und Bekannten oder der Kontrollverlust über die eigenen Daten?

Warum verhalten wir uns beim Thema Datenschutz so ambivalent?

Das Thema Datenschutz ist für viele Menschen offenbar nur im Einzelfall relevant. Zwar wanderten wegen der neuen WhatsApp-AGB mehr Nutzerinnen und Nutzer als je zuvor zu Signal und Co. ab. Zugleich werden Einladungslinks für die neue Live-Podcast-App Clubhouse heiß gehandelt, das Prinzip der künstlichen Verknappung – registrieren kann sich nur, wer von einem bestehenden Nutzer eingeladen wird[5] – scheint gut zu funktionieren. Ergänzt wird die Strategie durch Influencer, die den Hype um das neue soziale Netzwerk anfeuern. Die App bietet verschiedene virtuelle Tagungsräume und ist auf ein reines Audio-Format beschränkt.[6]

Doch während das in Ungnade gefallene WhatsApp das Inkrafttreten seiner neuen Regelungen zur Datenweitergabe verschiebt, um seine Nutzer zu besänftigen[7], schneidet Clubhouse bei genauerer Betrachtung mitnichten besser ab: Ein Impressum gibt es nicht, die Geschäftsbedingungen und Datenschutzhinweise sind nur auf Englisch einsehbar, die umfassende werbliche Nutzung der Kontaktinformationen, auf die über die hochgeladenen Adressbücher der Clubhouse-Nutzer zugegriffen werden kann, behält sich das Unternehmen vor.[8] Ob und wann Gespräche mitgeschnitten werden, wie lange Daten gespeichert werden und wie diese in Zukunft genutzt werden, ist völlig intransparent. Und auch bei Clubhouse sollen Schattenprofile angelegt werden.[9] Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) mahnte den Anbieter deshalb bereits ab und verlangt die Abgabe einer strafbewehrten Unterlassungserklärung.

Fazit

Wie sich die scharfe Kritik an WhatsApp und der gleichzeitige Andrang auf Clubhouse vereinbaren lassen, ist kaum zu beantworten. Vielleicht haben viele Menschen genug von den Datenschutzskandalen der Facebook-Apps, sehen dieselben Praktiken bei anderen Unternehmen aber (noch) nicht so kritisch. Möglicherweise resignieren viele, weil sie wissen, dass datengetriebenen Geschäftsmodellen nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft gehört. In jedem Fall lohnt es sich auch (und vielleicht sogar besonders) jetzt, genau hinzusehen und die Kontrolle über die eigenen Daten nicht dem nächsten Datenkraken zu überlassen.


[1] Vgl. Dachwitz, Neue WhatsApp-AGB: Shoot the Messenger, Netzpolitik.org, 14.01.2021, dort auch zum Folgenden.

[2] Vgl. Fanta, Ob Nutzer oder nicht: Facebook legt Schattenprofile über alle an, Netzpolitik.org, 29.03.2018 , dort auch zum Folgenden.

[3] Vgl. Dachwitz, Neue WhatsApp-AGB: Shoot the Messenger, Netzpolitik.org, 14.01.2021.

[4] Siehe hierzu etwa Dachwitz, Den Trackern auf der Spur: Forscher geben Einblick in die kommerzielle Überwachungsindustrie, Netzpolitik.org, 29.12.2016.

[5] Vgl. https://www.joinclubhouse.com/.

[6] Vgl. Rainer/Kühn, Social-Media-Hype Clubhouse – Eliten unter sich, Spiegel Online, 19.01.2021, dort auch zum Folgenden.

[7] Vgl. Spehr, So lösen wir das Whatsapp-Problem – oder auch nicht, FAZ.net, 25.01.2021.

[8] Vgl. Kannenberg, Verbraucherschutzverband mahnt Clubhouse wegen gravierender Mängel ab, Heise Online, 27.01.2021, dort auch zum Folgenden.

[9] Vgl. Krempl, Social-Media-App: Datenschützer machen bei Clubhouse große Fragezeichen, Heise Online, 21.01.2021.

Sämtliche Links wurden zuletzt am 28.01.2021 abgerufen.

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